Implementation Complete

April 7th, 2006 in My Life |

In diesem Post geht es auch um Äpfel. “Nomadenleben”, so hat es Andreas
ausgedrückt, und treffender hätte er es kaum beschreiben können. Die
letzten etwa 5 Monate vergingen wie im Flug in einer
Überschallmaschine. Seit Ende November 2005 ist mein Primärer
Arbeitsplatz der 2. Stock des German Headquarters von Hewlett-Packard
in Stuttgart/Böblingen. Direkt neben einem herrlich großem Fenster, das
bei schönem Wetter ein beeindruckendes Panorama bietet, verbringe ich
hier den Großteil meiner Zeit damit Software zu entwickeln, Bugs zu
fixen, Unmengen an Gratiskaffee zu verbrauchen und interessante
Gespräche mit HP-Mitarbeitern oder anderen Subunternehmern zu führen.

Montags fliege ich meist, zusammen mit einem Arbeitskollegen hin,
Donnerstags oder Freitags zurück nach Düsseldorf, um dann von dort aus
mit einem Sixt-Leihwagen den restlichen Weg in die Heimat anzubrechen.
Das oftmals viel zu karge Wochenende vergeht ebenfalls in selbigem
Zeitraffer, Zeit für ausgedehnte Parties, geschweige bewahren von
sozialen Kontakten (read: Freundschaften) bleibt kaum. Das solch ein
Leben zwischen Flughäfen, IT-Unternehmen, Ibis-Hotels und Heimat auf
Dauer Grenzerfahrungen bietet und den Wunsch des baldigen Endes mit
fortschreitender Zeit forciert ist klar. Schon lange wünsche ich mir
nichts sehnlicher als 2 Wochen ausgedehnter Griechenland- oder
Spanien-Urlaub (alternativ auch gern USA; das läßt aber der Geldbeutel
kaum zu), doch ein solch zeitkritisches Projekt wie jenes, welches
meinen Stuttgart-Aufenthalt erzwingt, läßt leider wenig Zeit für Urlaub.

Vielleicht sollte ich schreiben “ließ wenig Zeit für Urlaub”, denn
inzwischen bricht Licht durch die Wolkendecke, läßt Hoffnung ihr
zufriendestellendes Lächeln ab und an mit einem Zwinkern auf mich
fallen:
Gestern habe ich in der Entwicklung den Status “Implementation
Complete” erreicht; das bedeutet dass alle Features implementiert, alle
Module fertiggestellt und somit die eigentliche Entwicklung
abgeschlossen ist. Was nun folgt ist extensives Testen und damit
verbunden das bereinigen der so entdeckten Bugs (und davon werden noch
einige vorhanden sein). Da das Projekt selber allerdings auch in naher
Zukunft abgeschlossen sein muss, sieht es nun so aus als ständen die
letzten 2 aufeinanderfolgenden Wochen des Stuttgart-Aufenthalts an.
Sicherlich wird die schiere Größe dieses Projekts zur Folge haben dass
wir auch in Zukunft immer mal wieder hier sein müssen, aber in 2
Wochen, so fühlt es sich gerade an, sollte ich wieder öfters und
regelmäßiger Zuhause sein, und vor allem sollte ich auch mal den einen
oder anderen Tag Urlaub nehmen können. Ein sehr angenehmes Gefühl.

Was für ein Projekt ist das denn nun, von dem ich hier die ganze Zeit
in Haupt- und Nebensätzen berichte, aber eher umschweife, denn
beschreibe.
Eigentlich habe ich es wahrscheinlich sowieso jedem der wenigen Leser
dieses, meines, Blogs schon längst mehrmal erzählt, sie damit
gelangweilt und genervt :)
Zusammen mit meinem Arbeitskollegen schreiben wir für das neue
Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart einmal die Video &
Synchronisations-Software, sowie die Content-Verteilungs-Software.
Erstere kümmert sich um das Abspielen von Video oder Audio, die
Synchronisierung mehrerer Video/Audio-Signale über mehrere Rechner (man
stelle sich 80 Displays vor die alle haargenau zeitgleich dasselbe
wiedergeben, über Netzwerk-Kommunikation synchron gehalten) sowie die
Synchronisierung mit verschiedenen anderen Geräten (Bluetooth-PDAs,
Mediensteuerungen, etc).
Die Content-Verteilungs-Software dagegen kümmert sich um die Verteilung
aller Medieninhalte des Museums aus einem CMS heraus auf die jeweiligen
Geräte – prinzipiell also um die korrekte Abhandlung aller elektronisch
medialen Inhalte des Museums.

Diese Verteilungssoftware ist das komplexeste Stück Software dass ich
je schrieb; zur Visualisierung der internen Strukturen, Abläufe und
Schnittstellen waren DIN-A0-Flowcharts, Swimlane-Diagramme,
UML-Diagramme und jede Menge Kopfzerbrechen erforderlich. Das
Implementation Complete dieses Brockens komplexer Software ist für mich
auch das Initial bald mit breit angelegten ungeplanten Sauforgien all
die verzwickten Zusammenhänge, welche derzeit meinen Kopf und
kognitives Bewußtsein lahmlegen, wegzulöschen.

Was nun. Nach Abschluss dieses Projekts stehen bei mir größere
Änderungen beruflicher und privater Natur an. Wenn es am schönsten ist
soll man aufhören, so lautet eine alte Volksweisheit, und auch wenn
mich die chinesische Weissagung “das Bedürfnis aufzugeben wird größer,
je näher man dem Ziel kommt” lange davon abgehalten hat einen
risikoreichen großen Schritt zu tun, so habe ich nun eine Mittellösung
gefunden die es mir erlaubt beide Weisheiten zu kombinieren und auf
einem recht risikolosem Pfad (wie mir scheint) meinen Weg fortzusetzen:

Ich habe mich vor 2 Wochen für den Studiengang “Educational Design,
Management & Media” an der Universität Twente eingeschrieben und
werde ab August versuchen so den Weg einzuschlagen den zu gehen ich vor
5 Jahren durch den Tod meines Vaters gehindert wurde. Ich freue mich
sehr auf dieses Studium, der Studiengang beherbergt vieles von den
Dingen für die ich mich interessiere, eröffnet Möglichkeiten für die
Berufsbereiche mit denen ich mich später beschäftigen möchte, und
scheint für mich eine gute Erweiterung zu meiner bisherigen Kenntnisse
aus den Bereichen Softwareentwicklung, Mediengestaltung und
Projektmanagement zu sein.
Die Universität bietet einen tollen Campus mit scheinbar vielen
Möglichkeiten reichhaltiger Freizeitbeschäftigung und natürlich den
üblich verdächtigen Parties ;) Wer mich kennt, kennt auch meine, durch
die familiäre Historie bedingte, finanzielle Mißlage, die eigentlich
ein Studium nicht direkt erlauben würde – und genau hier kommt der oben
beschriebene Mittelweg zum tragen: Ich werde mit Studienbeginn nämlich
meine derzeitige Anstellung bei der Firma Netside nicht aufgeben,
sondern lediglich in eine halbtags (o.ä.) Anstellung umwandeln, so dass
ich auf der einen Seite weiterhin auf das was dort im Laufe der Jahre
geschaffen wurde aufbauen kann, und auf der anderen Seite die
notwendige finanzielle Sicherheit bekomme um das Studium risikolos
abzuschliessen. Ob das ganze aus zeitlicher Sichtweise tatsächlich so
funktioniert wie ich es mir hier erhoffe, muss sich natürlich zeigen,
aber “hope, mankind’s greatest treasure” steht mir hier mal wieder bei.

Und nun zu den Äpfeln vom Anfang:
Der komplexe, lange, oben beschriebene Text beschreibt im wesentlichen
die in mir stattfindenden kognitiven Prozesse die auftreten wenn ich
über die Frage nachdenke ob ich mir nun so ein sexy neues Apple MacBook
Pro kaufe, denn es soll ja einem Zweck dienen und Vorteile gegenüber
meinem derzeitigem Setup haben. Derzeit verteile ich nämlich Daten,
Projekte, Kontakte, Kalenderevents und mehr auf 3 verschiedene Rechner
an 4 verschiedenen Orten – ein Nomadenleben halt. Der flotte G5 zuhause
versauert in letzter Zeit da ich ja fast nie zuhause bin. Der P4 in der
Firma versauert gleichfalls da ich ja nie in der Firma bin. Und das, im
Vergleich zu den anderen Systemen etwas langsame PowerBook 12″,
begleitet mich überallhin, ist ein Workhorse, läuft an Flughäfen, in
Hotelzimmern, bei HP oder auch in Autos (so wie jetzt, sitze gerade in
einem BMW X3 auf dem Beifahrersitz und tippe diese Zeilen während mein
Arbeitskollege den Wagen durch den Rückweg leitet).
In Zukunft nun, wenn dieses Projekt abgeschlossen ist, wird die
Situation sich eher verschlimmern denn verbessern, so schätze ich: Ich
werde sicherlich noch ab und an zu HP nach Stuttgart müssen, ich bin
weiterhin ab und zu Zuhause, ich werde oft in der Firma vorbeischauen,
ich werde oft auf dem Campus mein unwesen treiben. Und da ich für den
Großteil dieser Orte eh auf einen mobilen Computer angewiesen bin,
liegt die Entscheidung nahe komplett auf ein Mobiles Gerät umzusteigen
- so es genug Kraft bietet um auch das zu leisen was z.B. der G5 so
macht.
Und genau hier bietet sich das MacBook Pro einfach an. Es ist
schnell/leistungsfähig, unheimlich portabel, schick und erlaubt seit
neuestem auch den Einsatz von Windows XP was mir vielleicht im Studium
zugute kommt, denn wer weiss welche speziellen Nur-Microsoft-bezogenen
Softwareanforderungen da auf mich zukommen werden.
So habe ich mich also entschieden mein komplettes Equipment zu
veräussern, und auf eines dieser neuen schicken MacBook Pro’s
umzusteigen – und wenn es passt auch noch ein tolles 16:10 24″ Display
dazu – für die größeren arbeiten.

So. Das ist also der Stand der Dinge. Vieles von dem was mich
beschäftigt, vieles von dem was bisher geschehen ist. Vielen Dank fürs
Lesen, freue mich auf Kommentare, gerne auch bezüglich der 2 großen
angesprochenen Entscheidungen ( Studium / MacBook ). Oh und wir sind
gleich in Gronau, die Fahrt ist um, der Blogeintrag fertig. Dieser Text
enthält 8888 Buchstaben.

« 3 Comments to this entry

→ Andreas  said on April 8th, 2006 at 9:39 am

Drück die Daumen
Ich hab großen Respekt vor Deiner Entscheidung das Studium zu beginnen. Ich hab Deinen Schilderungen immer entnommen, dass es für dich einer der wichtigen Träume (bezogen auf das Berufsleben) ist. Ich wünsch Dir viel Glück beim Zeitmanagement. Ich hab das in meiner Ahauser Zeit nicht hinbekommen, was aber eher an meiner Motivation und der dot-com Phase lag. Wer hat 1999 schon gedacht, dass man in der Branche je so was wie eine formale Ausbildung braucht :-) Es ist vielleicht neben der konkreten Entscheidung immer auch wichtig aus dem alltäglichen Crunch nach ein paar Jahren auszubrechen. Für mich war der Job- und Ortswechsel Wechsel nach 5 Jahren Webentwicklung in der Provinz ein riesiger Motivationsschub.

Zum MacBook Pro: An Deiner Stelle würde ich das kaufen. Die ganze Schufterei muss sich ja auch mal lohnen und da ich Urlaub aus meiner Erfahrung immer erst dann nehmen konnte, wenn Software solide ist, wird das bei so einem Projekt sicher noch was dauern. Ich drück natürlich trotzdem die Daumen, dass Du bald mit einem Schirmchen-Cocktail und den Füßen im Sandstrand von Kalifornien deinen Tagesausflug nach Cupertino planen kannst, um dein MacBook am Ursprungsort abzuholen :-)

Zur Synchronisierung: Wenn mobiler Datentransfer nicht so teuer wäre würde ich VPN vorschlagen. Ich hab von zuhause aus Vollzugriff auf alle Rechner bei der Arbeit (nur gedrosselt durch das DSL) und es ist wunderbar, das ich bei Anzeichen von Problemen im Zweifelsfall nicht ins Büro muss.

→ EZ Himself  said on April 12th, 2006 at 12:02 pm

title
Danke, kann den Zuspruch gut gebrauchen, auch wenn der Schritt schon wohlüberlegt war, ist natürlich immer ein unkalkulierbares (finanzielles) Risiko mit im Spiel.
Zur Synchronisierung ;)
Ein VPN existiert bei uns natürlich auch, und ich komme daher über das VPN mit VNC oder SSH auf in die entsprechenden Maschinen um dinge zu erledigen. Nur ist es halt bei weitem nicht so bequem größere Dateien die fehlen erst mühsam beschaffen zu müssen; Oder halt bestimmte Telefonnummern z.B. über SSH lesen zu müssen; Da habe ich hier diese schöne Kombination aus iCal/Adressbuch/Mail usw, und kann es aufgrund der Datenfragmentierung halt kaum nutzen.. Aber Hoffnung ist ja in Sicht :D

→ Manuel  said on November 17th, 2006 at 2:26 am

Böblingen
Hi Benne,

Du warst bei HP in Böblingen ? Das ist aber nicht die Niederlassung in der Hanns Klemm Straße, oder ? … falls ja, dann kenn’ ich das Gebäude :-)

Leave a Reply